Die Atmosphäre der früheren Ahse-Landschaft spricht aus einer elegischen Betrachtung des ehemaligen Oestinghauser Hauptlehrers Wilhelm Kleffner (Amtszeit: 1900-1929), die hier etwas gestrafft wiedergegeben werden soll.1)


Der "Krause Baum"

Inmitten grüner Ahsewiesen, nicht weit vom Wasser, steht ein alter Stüwebaum. Es ist eine geköpfte Esche. Seit mehr als hundert Jahren hat sie keine Axt mehr berührt. Spukgeschichten hängen in ihren Zweigen, und wer abends da vorbeikommt, macht schnelle, lange Schritte. Der Kolk in der Ahse nebenan ist tief. Einmal hat hier hier ein junges Menschenkind sein Leid zur Ruhe gebracht. Die Jugend aus dem Dorf aber weiß nichts davon, denn die Jungen baden gerade mit Vorliebe an dieser Stelle. Der alte Baum freut sich, wenn er die Jugend sieht. Abends, wenn der laue Wind mit den Gräsern spielt und im Schilfe lispelt, so um die Zeit der Uhlenflucht, dann horcht er auf, dann erzählt er!

Es war eine bitterböse Zeit, nirgend Ruh im Lande. Jeden Tag läutete die Sturmglocke. Auf der Landstraße zogen wilde Söldnerscharen, und die Bauern verkrochen sich in den Wäldern. Am ändern Tage hingen fünf schwarzhaarige Kerle an seinen Ästen. Das war eine ekelhafte Sache, und der Baum schüttelt sich noch jetzt, wenn er davon erzählt.

Jahre sind darüber vergangen. Im bunten Wechsel brachten sie Freud und Leid, Not und Glück. Der Alte hatte die Ohren immer hübsch offen. Manches trugen ihm die Krähen zu, die in seinen Zweigen rasteten. Sie erzählten von Krieg und Tod, Sieg und Niederlage.

Oftmals ist er in Zorn geraten über den Unverstand der Menschen, wenn er sieht, wie sie seine Freunde verfolgen. Die graue Eule, die in seinem Kopfe wohnte, wurde auf dem Schultenhofe totgeschossen und an das Scheunentor genagelt, und den Bussard, der bei ihm einzog, ereilte ein ähnliches Geschick, weil man ihn für einen Habicht hielt. Auch der bunte Eisvogel weiß ein Lied zu singen von der Verfolgung durch die Menschen. Für Bedrängte aller Art hat der Baum etwas übrig. In seinem hohlen Körper verbergen sich Marder und Iltis. Die Preise für ihre Bälge sind hoch, und alles rennt dem Gelde nach, auch wenn die Natur dabei verödet. Wehmütig wird der Alte, wenn er sich umsieht nach den früheren Bäumen und grünen Hecken. Viele Bekannte sind verschwunden, die Hecken sind umgehauen, die Vögel fortgezogen. Die Axt wird auch vor unserm Stüwebaum nicht Halt machen. Künftige Geschlechter werden den Krausen Baum nicht mehr finden, seinem Geflüster nicht mehr lauschen können. Sein abendliches Erinnern an der stillen Ahse wird vergangen sein.

1) Kleffner, Wilhelm, Der "Krause Baum“. In: Soester Heimatkalender von 1924, S. 94 f. - Der Verfasser versetzt den bei Niederbauer stehenden und mit diesem Namen belegten Baum, an dem sich ein Kreuz befand, an die Ahse. Es ist eine Frage der Interpretation, ob man die Apostrophierung als eine Anspielung auf den in vielen Sagen auftauchenden "Heidenbaum", der sich auf den germanischen Mythos der Irminsul oder die "Weltesche“ zurückführen läßt, verstehen soll.  Vgl. hierzu Zaunert, Paul (HG), Westfälische Sagen. Jena 1927, S. 52 ff.